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| - Lange hatte Sielassiel an diesem Abend noch im Gastraum gesessen, als alle nach der Besprechung schon gegangen waren. Es blieb ihr nicht mehr viel Zeit, um das zu tun, was ihr seit Tagen keine Ruhe ließ. Sie musste unbedingt zu der Landestelle zurück. Etwas zog sie dorthin zurück. Doch obwohl der Weg dorthin gefährlich war, wollte sie nicht, dass irgendjemand sie begleitete. Zu persönlich und zu peinlich war ihr das Ganze. Außerdem wusste sie nicht, ob ihre Suche erfolgreich sein würde, ja ob ihr das überhaupt etwas bringen würde. Sie wusste nur, dass sie nicht länger warten konnte und wollte. Sicher, der Sonnenpriester hatte ihr gesagt, er würde sie begleiten und sie deshalb am nächsten Morgen abholen, doch das wollte sie nicht. Er hatte genug um die Ohren, fand sie, als dass er sich um die seltsame Laune einer Magierin kümmern sollte. Dennoch war sie ihm dankbar für sein Angebot.Sielassiel seufzte leise und ihre Hand schloss sich um den Phönixanhänger an ihrem Lederhalsband. Dann erhob sie sich von ihrem Stuhl, holte Pergament und Stift und setzte sich wieder auf ihren Platz. Dann schrieb sie in ihrer feinen elegant geschwungenen Schrift:"Ich bin ohne Euch zur Landestelle aufgebrochen.Bitte verzeiht mir.In tiefster Verbundenheit,Euer Phönix"Zuletzt faltete sie das Pergament zusammen und schrieb noch den Empfänger der Nachricht vorne drauf. Sie legte den Stift beiseite, schlich sich in den Schlafraum und zog sich um. Auch packte sie ein paar weitere Kleidungsstücke in ihre Tasche. Dann schlich sie sich wieder hinaus. Sie nahm ihre kleine Nachricht und reichte sie dem Gastwirt. "Gebt dies bitte dem Sonnenpriester Valentinez, wenn er hier auftaucht", bat sie mit einem freundlichen Lächeln und verließ dann leise das Gasthaus unter dem verwirrten und zugleich fragenden Blick des Wirts.Die Schatten der vergehenden Nacht ausnutzend schlich sie sich aus dem Dorf. Sie war froh, dass sie sich die Karte noch einmal angeschaut hatte, denn ohne sie hätte sie nicht gewusst, in welche Richtung sie sich hätte wenden sollen. Doch sie ging zielstrebig in die Richtung, in der die Stelle ihrer Landung lag. Aus der Ferne hörte sie das bedrohliche Heulen der Garn, und deshalb blieb sie wachsam und seit Verlassen von Wor'gol mit der nächstgelegenen Leylinie verbunden, bereit sich mittels Feuermagie zu verteidigen.Doch durch den tiefen Schnee kam sie nur sehr langsam voran. Immer wieder musste sie sich aus Schneeverwehungen befreien und ein kleines Stück zurücklaufen, um sich einen neuen Weg zu suchen.Erst etwas nach Sonnenaufgang kam der Priester in den Schankraum. Erst einige Stunden später also erreichte ihn die Nachricht. Sie konnte es also nicht abwarten... Der Blick des Mannes lag lange auf den Zeilen, während seine Gedanken jagten. Warum dachte hier jeder, er konnte tun, was er wollte? Sie waren keine Soldaten... Wie sollten sie so jemals genug erreichen, um in die Heimat zurückzukehren? Er zerriss den Brief langsam. Einmal, ein weiteres Mal. Der Blick blieb neutral. Doch auch das Lächeln fehlte. Dann drehte er sich um und ging mit schnellen Schritten aus dem Gasthaus. Zielstrebig gen der Ställe, wo sein Falkenschreiter noch stand. Als er an dem Feuer vorbeikam, warf er das zerrissene Papier hinein. Das Tier zäumte er grob und fest. Den Schnabel schnürte er zu und schließlich schwang er sich auf dessen Rücken und jagte es in den Schnee, auf in Richtung Landungsstelle.Einige Stunden hatte sich Sielassiel durch den Schnee gekämpft. Einige Male war sie in den Schnee gestürzt und hatte dabei erst ihr Bündel und später auch noch ihre Kapuze verloren. Dennoch rappelte sie sich jedes Mal wieder auf und kämpfte sich weiter voran. Obwohl sie schon sehr erschöpft war, blieb sie dennoch irgendwie wachsam. Immer wieder sah sie sich um. Sie bereute es, nicht auf den Sonnenpriester gewartet zu haben und verfluchte bereits zum fünften Male ihre Dummheit. Doch eine Umkehr kam für sie nicht in Frage. Sie hätte den Weg zurück auch in ihrem momentanen Zustand nicht geschafft. Hastig wischte sie die heißen Tränen fort, die auf ihren kalten Wangen brannten, und kämpfte sich weiter voran. Schließlich traf sie weit nach Sonnenaufgang an der Landestelle ein.Nur zu gern hätte sie sich für einen Moment ausgeruht, doch dazu war keine Zeit. Außerdem wusste sie, würde sie hier draußen im Schnee einschlafen ohne ein warmes Lager, so würde sie erfrieren. Warum also war sie nur diese Risiken eingegangen, hier draußen auf die eine oder andere Art zu sterben, allein? Sielassiel seufzte und verscheuchte die negativen Gedanken. Stattdessen sammelte sie ihre letzte Kraft und begann mit der Suche.Sie schritt langsam umher und ignorierte dabei die vom Schnee durchweichte Kleidung und die nassen Haare. Sie spürte im Moment die Kälte nicht, denn die Kälte in ihrem Inneren war stärker, solange sie nicht wusste, was sie hier finden würde. Immer wieder ging sie in die Hocke und schob den Schnee beiseite, ließ ihn durch ihre Hände rieseln, doch erfolglos. Ein Seufzen entfuhr ihren Lippen, als sie sich erhob und einige Schritte weiter ging, den Blick fest auf den Boden geheftet, ihre Körperhaltung gebeugt. Ihre Schultern ließ die junge Sin’dorei niedergeschlagen herabhängen. Sie war so fixiert auf diese Suche, dass sie nicht bemerkte, wie sich ihr jemand von hinten näherte.„Was tut Ihr hier?“, ertönte plötzlich die Stimme des Sonnenpriesters hinter ihr. Doch die Stimme klang weder streng noch besorgt noch wütend. Stattdessen war der Tonfall neutral, zumindest war der Priester sichtlich um einen solchen bemüht. Dennoch fuhr Sielassiel erschrocken herum und sah Valentinez an. Auch er musste lange unterwegs gewesen sein, denn Schnee lag auf seinen Schultern und einige nasse Haarsträhnen lagen auf seiner Brust.Sofort bekam Sielassiel ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber, und Reue mischte sich zu der Trauer in ihrem Blick.„Anscheinend Zeit vergeuden“, antwortete sie schließlich und seufzte niedergeschlagen.„Es ist ein gefährlicher Ort, wenn Ihr nur Eure Zeit totschlagen wollt“, entgegnete der SonnenpriesterSielassiel war sich dieser Sache durchaus bewusst, doch diesbezüglich schwieg sie.„Irgendetwas hat mich hierher gerufen, aber ich finde es nicht“, sagte sie stattdessen nur.„Gerufen?“, fragte Valentinez. „Das klingt merkwürdig. Aber es ist Eure Sache. Ich werde Euch zurück begleiten, wenn Ihr bereit seid.“Dann sah er sich um, bis sein Blick in Richtung Meer fiel.Sielassiel sank niedergeschlagen in die Knie. Tränen stiegen ihr in die Augen und liefen ihr über die Wangen. Nur mühsam konnte sie ein Schluchzen unterdrücken. „Aber es muss hier irgendwo sein“, meinte sie, und Verzweiflung schwang in ihrer Stimme mit.Valentinez sah eine ganze Weile zu ihr herüber. In seinem Blick lag nun ein wenig Verständnislosigkeit, und seine Augen wurden kurz schmaler. Er legte den Kopf etwas schief.„Nun steht schon auf“, sagte er. Doch Sielassiel machte keine Anstalten, seiner Anweisung Folge zu leisten. Stattdessen sah sie ihn nur mit tränenverschleiertem Blick an.„Es tut mir leid, Valentinez“, sagte sie leise. „Bitte verzeiht mir.“Doch Valentinez ging darauf nicht ein. Er ging stattdessen zu ihr hin, fasste sie an ihrem Oberarm und zog sie hoch. Dabei war er aber keineswegs grob.„Ihr müsst frieren“, meinte er nur. „Der Boden ist zu kalt. Gebt nicht auf und sucht weiter. Ich sehe zu, dass Euch nichts dabei behelligt.“Niedergeschlagen sah Sielassiel ihn an. Sie hatte ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber, und es wurde größer, je mehr ihr das kühle Verhalten des Priesters bewusst wurde. Schnell wandte sie sich ab.„Ich weiß nicht, wo ich noch suchen soll. Ich habe hier schon alle Stellen Schnee abgesucht“, sagte sie mit einem Seufzen.„Und Ihr wisst nicht, was Ihr sucht?“, fragte Valentinez schließlich und sah sich ein wenig um. „Schmelzt doch den Schnee, das geht schneller.“Sielassiel schüttelte leicht den Kopf.„Das wäre Verschwendung von meinen magischen Kräften. Ich würde den Rückweg nicht mehr schaffen“, erklärte sie. „Tja, und was ich suche? Ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich weiß nur, dass ich es hier irgendwo an dieser Stelle wegwarf, bevor wir aufbrachen. Nur kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wohin ich es warf.“Sie ließ ihren Blick über das kleine Gebiet um sich herum schweifen, bevor sie wieder zum Sonnenpriester sah.„Das habe ich auch nicht gesehen“, gestand dieser. „Die Orcs haben ihre Wölfe im Feuer verbrannt. Hattet Ihr nicht einen Schreiter? Das wird es gewesen sein.“Sielassiel runzelte kurz die Stirn. Ja, sie hatte ihren Schreiter verloren. Mit einem leichten Schaudern schossen ihr die Bilder der sterblichen Überreste des Tieres in den Kopf. Bisher hatte sie das gut verdrängt gehabt, doch nun bei der Erwähnung von Valentinez war das Bild wieder nur zu präsent in ihrem Kopf. Rasch verscheuchte sie es wieder und zwang es in die Untiefen ihrer Erinnerungen zurück.„Wisst Ihr noch, wo sich das Feuer befand?“, fragte sie schließlich vorsichtig.Nachdenklich sah der Priester sich um. Schließlich blieb sein Blick auf einer Stelle links von ihm haften.„Ich war ja nicht dabei... dort?“, entgegnete er und wirkte selbst ein wenig ratlos, während er auf die Stelle zeigte, an der sein Blick hängen geblieben war. „Ich glaube schon.“Die Magierin wandte ihren Kopf nach rechts und betrachtete die Stelle eine Weile. Dann erstarrte sie plötzlich, als die Bilder der toten Tiere vor ihrem Auge auftauchten. Nur ein Nicken in die Richtung des Priesters brachte sie zustande. Langsam, fast zögerlich setzte sie sich in Bewegung und ging an der Stelle in die Hocke. Vorsichtig, aber noch immer zögerlich schob sie den Schnee und die Reste des Feuers beiseite, ließ sie sogar durch ihre Hände rieseln. Jegliche Gedanken und Bilder waren nun aus ihrem Kopf verbannt. Valentinez hingegen sah ihr nur zu. Er hatte nicht vor, ihr zu helfen. Stattdessen behielt er die Umgebung im Auge.Immer wieder wischte sich Sielassiel mit dem Handrücken ihre Tränen fort, ohne jedoch ihre Suche zu unterbrechen. Jede einzelne Stelle wurde untersucht, einmal, ja sogar zweimal. Immer wieder ließ sie den Schnee durch ihre nassen Handschuhe rieseln.Schließlich fiel etwas heraus und kam mit einem leisen, dumpfen Geräusch im Schnee auf. Die Magierin erstarrte erneut und sie fing an zu zittern. Doch ob es vor Kälte war oder weil ihre Suche vielleicht endlich erfolgreich war, konnte sie selbst nicht sagen. Zögernd und mit zitternden Fingern griff sie nach dem Gegenstand und betrachtete ihn einen Moment. Sie schloss ihre Hand darum, erhob sich und drehte sich zu Valentinez um.„Ich habe es gefunden“, verkündete sie leise.„Das ist eine gute Nachricht, aber Ihr seht nicht erfreut aus“, stellte Valentinez fest.Sielassiel öffnete nun ihre Hand und ein goldener Ring mit einem leuchtend roten Edelstein in Form eines Flügelpaares in der Mitte kam zum Vorschein.„Ich kann nichts damit anfangen“, gestand sie niedergeschlagen. „Aber das ist eindeutig die Ursache, warum ich nochmals hierher musste. Dieser Ring ist das, was mich gerufen hat.“„Wollt Ihr mehr dazu wissen?“, fragte Valentinez. „Oder wollt Ihr auf Euer Gedächtnis warten?“Sielassiel sah ihn verwirrt und fragend zugleich an. Sie war hin- und hergerissen. Wollte sie wirklich erfahren, was es mit diesem Ring auf sich hatte? Oder war es besser, die Sache ruhen zu lassen? Doch hätte sie gewusst, dass es dieser Ring war, der sie an diesen Ort gerufen hatte, dann hätte sie sich nicht auf die Suche begeben. Er löste zwar etwas in ihr aus, doch sie konnte die aufkommenden Gefühle nicht einordnen.„Wenn Ihr mehr dazu wisst, dann sagt es mir“, bat sie schließlich und sah sich dann kurz um. „Aber besser nicht hier.“„Es ist nicht viel, das ich weiß“, erwiderte Valentinez. „Ich weiß nur, was dieser Ring bedeutet. Ihr aber solltet nun mit mir zurückreisen.“Wie Recht er doch hatte mit der Rückreise. Mit einem Mal fühlte sich Sielassiel mehr als nur erschöpft. Zu groß waren die Enttäuschung und auch die Schuldgefühle. Sie wollte nichts anderes mehr, als nach Wor’gol zurückzukehren. Deshalb nickte sie und verstaute den Ring in dem kleinen Beutel an ihrem Gürtel.„Ihr habt Recht“, sagte sie deshalb.„Fragt mich einfach, sobald Ihr etwas darüber hören wollt, solange schweige ich“, meinte der Priester. „Ihr habt hier alles, oder?“„Ja, habe ich“, entgegnete die Magierin und senkte dann ihre Stimme. „Versteht Ihr nun, warum ich keine Begleitung wollte?“„Nein, denn es ist riskant und fahrlässig“, sagte Valentinez.Innerlich zuckte Sielassiel zusammen. Sein neutraler Tonfall und die doch tadelnden Worte vergrößerten ihr schlechtes Gewissen nur noch mehr.„Werdet Ihr mir verzeihen können für meine Dummheit?“, fragte sie deshalb vorsichtig.„Werdet Ihr mir versprechen, so etwas nie wieder zu tun?“, beantwortete er ihre Frage mit einer Gegenfrage. „Dann werde ich es nie wieder beachten.“„Versprochen, nur seid bitte nicht mehr sauer auf mich“, bat sie flehentlich.„Hättet Ihr nur ein wenig Geduld bewiesen, wäre ich mit Euch gegangen“, tadelte er sie. „Habt Ihr geglaubt, ich würde mein Wort nicht halten?“Sielassiel zog unwillkürlich den Kopf ein.„Ich weiß“, seufzte sie. „Ihr hättet Euer Wort gehalten. Es war dumm von mir, so ein Risiko einzugehen.“Doch Valentinez ging nicht weiter darauf ein.„Ich habe meinen Falkenschreiter hier. Ihr solltet ihn nehmen. Die Kälte bekam Euch nicht gut“, sagte er stattdessen.„Und Ihr wollt die ganze Strecke laufen?“, fragte sie entsetzt.Der Gedanke, alleine die Rückreise anzutreten, bereitete ihr großes Unbehagen, ja sogar Angst.„Ihr seid sie doch auch gelaufen“, entgegnete Valentinez und zog die Kapuze gegen den Schnee etwas tiefer ins Gesicht. Auch straffte er seine Schultern wieder, hatte er sie doch wohl aus Reflex wegen der Kälte hochgezogen.Wieder zuckte Sielassiel unmerklich zusammen. Ihr behagte diese Situation zwischen ihnen beiden gar nicht, sah sie doch zu dem Sonnenpriester auf und respektierte ihn. Auch schätzte sie seine Ratschläge und die Unterhaltungen mit ihm. Doch durch ihre Ungeduld hatte sie diese Spannungen hervorgerufen. Allerdings würde sie später darüber nachdenken. Im Moment war sie zu erschöpft und zu niedergeschlagen dafür.„Ja, schon, aber irgendwie bereue ich es“, meinte sie leise. „Aber wenn Ihr meint, ich solle Euren Falkenschreiter nehmen, dann werde ich Euch nicht widersprechen. Ich kann nur versichern, dass es mir leid tut und ich so eine Dummheit nicht wieder begehen werde.“„Das ist das Entscheidende“, entgegnete Valentinez. „Und dass Ihr gefunden habt, was Ihr suchtet.“„Ihr habt Recht“, seufzte sie und folgte ihm mit hängenden Schultern, als er sie zu seinem Schreiter führte.Dort angekommen blieb Valentinez bei dem Falkenschreiter stehen, der sich schließlich nicht weiter gegen die Zügel wehrte, die der Priester mit einem Keil einfach in den Boden getrieben hatte. Er wäre vermutlich leichte Beute gewesen, doch die Federn waren weiß wie Schnee. Das musste ihn gerettet haben. Der Priester zog den Keil wieder heraus - das Tier versuchte, auch gleich zu entkommen, aber ein kräftiger Ruck an den Zügeln ließ es auch nachgeben. Valentinez übergab die Zügel nun an Sielassiel.„Bitte sehr“, sagte er. „Wärmt Euch im Lager auf, sobald Ihr angekommen seid.“Nur zögerlich nahm die junge Magierin die Zügel entgegen. Es behagte ihr immer noch nicht, dass sie zurückreiten sollte, während der Priester zu Fuß folgen wollte.„Wir sollten zusammenbleiben“, wandte sie ein. „Was ist, wenn Ihr angegriffen werdet? Oder wenn ich vor Erschöpfung vom Schreiter falle?“Der Priester hatte dem Tier wie immer den Schnabel zugebunden - und es wurde schnell klar, warum. Bei der Übergabe versuchte der Vogel noch, nach der Hand des Priesters zu schnappen.„Ich werde Euren Spuren folgen“, antwortete er. „Dann finde ich Euch, wenn etwas geschieht, Ihr aber seid zu lange unterwegs. Ihr müsst aus dieser Kälte heraus.“Sielassiel bemerkte das Verhalten des Tieres und strich ihm sanft über den Kopf und den Schnabel. Mit sanfter Gewalt zwang sie das Tier, sie anzusehen und hielt kurz durch Blickkontakt Zwiesprache mit ihm. Dann sah sie wieder zu Valentinez.„Ihr seid nicht minder lange unterwegs, wenn auch beritten. Ihr seid ebenso durchgefroren und durchnässt wie ich“, erwiderte sie und zögerte einen Moment, bevor sie fortfuhr. „Und... ich möchte den Rückweg nicht alleine bewältigen.“„Dann steigt auf und ich gehe neben Euch“, sagte der Priester und deutete mit einer knappen Handbewegung zu dem Tier. Anhand seines Tonfalls erkannte Sielassiel, dass er sich auf keine Diskussionen einlassen würde. Denn ursprünglich hatte sie ihm vorschlagen wollen, dass sie sich abwechselten bei dem Ritt auf dem Falkenschreiter. Doch nun verwarf sie diesen Gedanken.Stattdessen nickte sie nur und versuchte, ihre Erleichterung darüber, dass sie gemeinsam zurückkehren würden, zu verbergen. Sie strich dem Tier noch einmal über den Kopf und den Hals und schwang sich dann in den Sattel.Valentinez zog die Kapuze ein wenig zurück und hob den Blick. Eine Zeit lang sah er nur gen Himmel und zu den Bergen, dann ging er wieder los. Sielassiel gab dem Tier durch einen leichten Schenkeldruck zu verstehen, dass es seinem Herrn folgen sollte, und das tat es dann auch.Sielassiel beobachtete Valentinez verstohlen. Sie versuchte einzuschätzen, wie groß seine Wut auf sie wirklich war. Bisher hatte er es gut verborgen. Er hatte sie nicht angeschrien oder ihr mit Sanktionen gedroht. Er hatte sie lediglich mit neutralem Tonfall und knappen Sätzen darauf hingewiesen, wie dumm ihr Verhalten doch gewesen war. Doch allein das reichte schon aus, um ihr schlechtes Gewissen zu schüren. Sie wollte es irgendwie wieder gut machen bei ihm. Sie wollte, dass er ihr verzieh, dass er sich ihr gegenüber wieder so verhielt wie vorher. Nicht so kühl und distanziert wie jetzt.Valentinez hingegen bewegte die Finger immer wieder, ballte eine Faust und löste sie erneut. Das tat er mit beiden Händen abwechselnd.Sielassiel beobachtete ihn weiterhin. Sie war verwirrt, über das, was er da tat, doch sie schwieg. Wahrscheinlich wollte er damit nur die Kälte aus seinen Händen vertreiben.Valentinez hob irgendwann die Hände und zog den Kragen und die Kapuze zurecht. Doch auch er schwieg und setzte einfach nur einen Fuß vor den anderen. Der Saum seiner Robe wurde schnell nass und der Schnee verklumpte dort.Die junge Magierin seufzte leise und senkte den Kopf, während sie den Falkenschreiter einfach laufen ließ. Sie wusste, der Vogel würde den Weg zurück finden. Doch das Schweigen zwischen Valentinez und ihr lastete schwer auf ihrem Gewissen, deshalb fing sie ganz leise an, eine langsame melancholische Melodie zu summen. Dabei lässt sie den Priester nicht aus den Augen, der sich immer wieder nach allen Seiten umsah und anscheinend die Landschaft im Auge behielt. Doch irgendwann nahm die Erschöpfung überhand, und Sielassiel wurde immer leiser beim Summen, bis sie schließlich ganz verstummte. Sie klammerte sich regelrecht an dem Tier fest, während ihr immer wieder ihre Augen zufielen.Valentinez sah über die Schulter zurück zu der Elfe, als sie verstummte. Es war ein prüfender Blick, kurz, aber präzise.„Sielassiel, seid Ihr noch wach?“, fragte er.Doch seine Stimme drang wie aus weiter Ferne an ihr Ohr. Sie hing nun mehr über dem Hals des Falkenschreiters, schaffte es aber irgendwie nicht herunterzufallen. Der Schreiter selbst tat sein Übriges, indem er brav seinem Herrn folgte.„Ja, noch wach“, murmelte sie im Halbschlaf. Sie hatte wirklich Mühe, gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Zu groß war die Erschöpfung. Die Kälte nahm sie schon gar nicht mehr wahr. Sie wollte nur noch eins, und das war schlafen. Das alarmierende Gefühl in ihrem Inneren ignorierte sie deshalb.„Bleibt wach, erzählt etwas. Ihr dürft nicht einschlafen“, wies der Priester sie an.Doch Sielassiel brachte nicht mehr als undeutliche Worte über ihre Lippen. Immer mehr glitt sie hinüber in einen Schlaf. So bekam sie nicht mit, wie Valentinez immer wieder zu ihr sah, bereit zur Stelle zu sein, sollte sie doch noch vom Falkenschreiter fallen.Irgendwann bekam sie nur noch ganz am Rande mit, wie der Vogel stehen blieb. Doch sie schlug die Augen nicht auf, dafür waren ihre Augenlider viel zu schwer. Sie war auch nicht mehr imstande, Worte zu formulieren. Stattdessen spürte sie ganz vage, wie sie von dem Reittier gehoben und hinein ins Warme getragen wurde. Auch ihre Hängematte spürte sie noch und dann nichts weiter als die Wärme der Felldecke. Sofort glitt sie hinüber in einen tiefen Schlaf. Kategorie:Geschichten
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